Atomkraftwerke: Japan nach dem Erdbeben und dem Tsunami

Samstag, 12. März 2011
Kategorie: Allgemein

Droht ein Super-GAU in Japan? – Kompakte Informationen zur Krise

Wir denken an Opfer, Helfer und Freunde in Japan
Seitdem Japan am frühen Freitagmorgen um 6:45 deutscher Zeit – Ortszeit 14:45 – vom verheerenden Seebeben „Sendai“ mit einer Stärke von 8,9 auf der Momenten-Magnituden-Skala (Quelle: United States Geological Survey) heimgesucht wurde, sind Behörden, Einsatzkräfte, Militär und Ersthelfer rund um die Uhr im Einsatz. Unsere Gedanken sind bei Ihnen – vor allem aber natürlich bei den zahllosen Opfern. Auch aus Deutschland haben sich schon Helfer, Spezialisten und das THW in Bewegung gesetzt.

Wie geht Japan mit einer Krise von solchen Ausmaßen um?


Der Versuch einer objektiven Zusammenstellung aller aktuellen Fakten rund um die dramatischen Situationen in den japanischen AKWs fällt heute früh gar nicht leicht. Beinahe im Minutentakt überschlagen sich die Meldungen. Vor wenigen Minuten scheint sich die Lage im Krisenreaktor „Fukushima 1“ noch einmal zugespitzt zu haben, denn eine Explosion auf dem Gelände hat wohl nun auch das Reaktorgebäude selbst in Mitleidenschaft gezogen. Es gab – nach Angaben der Reaktorbetreiber – mindestens einige Verletzte, höchstwahrscheinlich unter Einsatzkräften und Reaktormitarbeitern. Die Meldungen über eine drohende Kernschmelze in den beschädigten Kraftwerken hängen ja schon länger wie ein unheilvoller Schatten über der Region. Durch die Explosion scheint nun tatsächlich Radioaktivität in erheblichem Maße ausgetreten zu sein – erste Berichte sprechen von der 20fachen Menge der normalen Belastung. Die Informationspolitik der offiziellen japanischen Stellen ist, vorsichtig formuliert, nur als zurückhaltend zu bezeichnen. Auf der einen Seite verständlich: Eine Panik in Japans gigantischer Hauptstadt Tokio ist sicher das Letzte was sich die Behörden wünschen. Andererseits erinnern solch dramatische Situationen in Kernkraftwerken uns aber unwillkürlich an die beiden bisher größten Reaktorunglücke: Der dramatische Zwischenfall im AKW Three Mile Island nahe der US-amerikanischen Stadt Harrisburg in Pennsylvania 1979 und natürlich die Super-GAU-Katastrophe in Tschernobyl 1986 in der heutigen Ukraine.

Japan paradox – Atombomben, Erdbeben und Energieversorgung mit AKWs
Von außen betrachtet erscheint Japan uns Europäern aktuell sicher sehr widersprüchlich. Im Land, dass den einzigen kriegerischen Atomwaffeneinsatz erleiden musste, hat die Bevölkerung paradoxerweise bisher größtes Vertrauen in die friedliche Nutzung der Atomtechnik und in die Maßnahmen der Regierung. Wie anders ist es sonst – wenn man klaren Verstand voraussetzt – zu erklären, dass im dicht besiedelten Hochrisiko-Erdbebengebiet Japan heute 55 Reaktoren am Netz sind? Zu diesen 55 Strom erzeugenden Reaktoren kommen zusätzlich noch weitere 50 Versuchsreaktoren in Universitäten und Hochschulen. Alle wirtschaftlich betriebenen Reaktoren zusammengenommen erzeugen heute (Stand 2010) circa 48 Gigawatt Leistung. Aktuell sind zwei weitere Reaktoren im Bau und die – für europäische Verhältnisse – unfassbare Zahl von 12 Reaktoren befinden sich in konkreter Planung.

Die praktischen Gründe für die Atomkraft-„Begeisterung“ sind schnell gefunden: Japan hat kaum Rohstoffe, noch viel weniger als Deutschland beispielsweise und das Land wollte sich – eine bittere Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg – nicht von Öl- und Gas-Importen aus dem Ausland abhängig machen. Die Entwicklung der regenerativen Energien ist weltweit noch nicht so fortgeschritten um den ganzen Energiebedarf von Industrienationen wie Japan zu decken. Für Japan eine beinahe auswegslose Situation, die wenig sinnvolle Lösung: Volles Vertrauen in die Atomenergie. Und das alles auf einem der risikoreichsten Terrains der Welt, denn rund um den „Mini-Kontinent“ Japan stoßen vier tektonische Platten aufeinander und Erdbeben gehören schon immer zum Alltag der Japaner. Das letzte große Erdbeben in Japan datiert erst aus dem Jahre 1995 und ist heute als „Erdbeben von Kobe“ bekannt. Damals bebte die Erde „nur“ mit einer Stärke von Mw 6,9 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Schlimmer traf es Japan vor beinahe 90 Jahren, beim heutzutage in der Weltöffentlichkeit kaum mehr präsenten Großen Kant?-Erdbeben – im Jahre 1923. Damals gab es geschätzt etwa 143.000 Todesopfer, die meisten von Ihnen – wie beim Sendai-Beben – durch die Tsunamis nach dem eigentlichen Seebeben. Im vorvorletzten Jahrhundert blieb den Japanern vor allem das 1896er-Beben in Erinnerung, als die Snariku-Küste heimgesucht wurde. So gesehen war das 20. Jahrhundert sogar ein verhältnismäßig ruhiges Erdbeben-Jahrhundert in Japan…

Wie soll man sich auf Katastrophen vorbereiten?
Zuerst einmal das positive: Die japanische Regierung die Baubehörden wissen dies natürlich und japanische Reaktoren werden tatsächlich nach äußerst strengen Vorschriften gebaut und konstruiert. In jedem japanischen AKW befinden sich sensible Erdbebensensoren, die im Zweifelsfall den so genannten „Shutdown“, die schnelle Notabschaltung einleiten. Auf Grund der topographischen Situation auf den japanischen Inseln – teils sehr schmale Küstenstreifen und hohe Gebirge im Inland – befindet sich die Mehrzahl der japanischen Atomkraftwerke in Küstennähe. Also mitten in der Tsunami-Gefahrenzone! Nach dem Kobe-Erdbeben, dem viele Tausend Menschen zum Opfer fielen, wurden die ohnehin schon strikten Vorgaben noch einmal verschärft, aber nur auf der Basis der schon bekannten Erdbebenstärken. Eine wohl fatale Fehleinschätzung: Auf Beben von bis zu einer Stärke von 8,25 sind demnach alle gefährdeten Kernkraftwerke ausgelegt. Das aktuelle Sendai-Erdbeben erreichte eine Spitzen-Amplitude von 8,9. Da alle Erdbebenskalen nicht linear, sondern logarithmisch sind, war das jüngste Beben also um ein vielfaches stärker! Ein Punkt mehr Erdbebenstärke entspricht einer 30-mal höheren Energieeinwirkungen. Die Bilder von Flutwellen und Erdbebenschäden, die uns bisher erreichten, dokumentieren die unfassbare Menge der freigesetzten Energie eindrücklich.

Keine Panik?! – Der Blick nach Deutschland
Zurück nach Deutschland: Die amtierende Regierung hat ja vor gar nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit der starken Atom-Lobby unter heftigen Kontroversen die Laufzeitverlängerung für die einheimischen AKWs „eingetütet“. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass die Ereignisse in Japan auch die Atomkraft-Diskussion wieder neu entfachen werden. Vielleicht sogar in bisher ungeahntem Ausmaß. In puncto einheimische Kernkraftwerke nur so viel zur Beruhigung: Erdbeben und Flutwellen gab und gibt es in Deutschland nicht. Auch die AKW-Sicherheit ist auf einem internationalen Spitzen-Niveau und alle Kraftwerke sind mit mehrfach redundanten Kühlsystemen und Diesel-Generatoren ausgerüstet. Man muss im Fall der Fälle also wohl nicht – wie in Japan – auf nicht rechtzeitig vorhandene Ersatzbatterien warten. Das hilft, aber es ändert nichts an der immer klarer werdenden Tatsache: Atomenergie in Form der „kontrollierten“ Kernspaltung ist ganz sicher nicht die Technologie der Zukunft. Um es mit dem bekannten Motto zu sagen: Atomkraft nein danke!

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